Donnerstag, 3. März 2016

Bestandsaufnahme ungelesener (erworbener) Literatur

Ihr kennt das. Das Regal mit den ungelesenen Büchern wird immer voller, während immer neue Wünsche auftauchen und erfüllt werden.

In meiner Liste finden sich aktuell ...

angefangen:

  • James Joyce - Ulysses (bis Seite 400 gekommen) 
  • Conrad Kain - Where the Clouds can go (über 500 Seiten-Biografie des Hinternaßwälder Bergsteigers, ca. Seite 200 erreicht)
  • Joseph Conrad - Herz der Finsternis (Buchvorlage für Apocalypse Now, vergleichsweise dünn zum Film)
  • Steve Silberman - Neurotribes (500 Seiten Autismus-Geschichte, leider versehentlich in der gebundenen Ausgabe geschenkt bekommen, zu unhandlich für unterwegs und Bett) 
  • Karim el-Gawhary - Frauenpower auf Arabisch (großteils gelesen)
  • Thomas Bernhard - Die Autobiographie (von 5 Bänden bisher 2 gelesen)
  • Timothy Snyder - Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin (ebenfalls recht massiges, unhandliches Buch, eher Nachschlagewerk)
  • Oliver Sacks - On the Move (Autobiografie, ca. 150 Seiten gelesen)
  • Robert Musil - Mann ohne Eigenschaften I (ca. 150 Seiten gelesen) 
  • Mihaly Csikszentmihalyi - Flow - the psychology of optimal experience (angefangen)
  • Theunissen und Paetz - Autismus - Neues Denken - Empowerment - Best-Practice
 
noch ungelesen:

  • Schmid und Reichenbach - Die Philosophie des Kletterns 
  • Alice W. Flaherty - The Midnight Disease 
  • Anni Bürkl - Schweigegold 
  • Thomas Bernhard - Wittgensteins Neffe 
  • Thomas Bernhard - Korrektur
  • Thomas Bernhard - Kalkwerk
  • Robert Musil - Mann ohne Eigenschaften II
  • Robert Harris - Titan (lese ich im Anschluss an Imperium)

Donnerstag, 12. November 2015

An die Nieren gehen: eine Erzählung.

Eine schöne Silvesterfeier. Genau so habe ich mir den Jahreswechsel vorgestellt. Bis auf den Deppen gestern, der uns vor die Füße einen Böller schmiss, der uns beinahe einen Gehörschaden beschwerte. Das passiert eben, wenn man in einer Großstadt wie Innsbruck am Metropolkino vorbeigeht. Dunkel war’s. Kein potentieller Attentäter war zu sehen. Mein Freund hatte noch Glück, denn ich trug zumindest etwas um die Ohren. Er nicht. Wenn wir den Knaben erwischt hätten, der uns mit dem Kracher bewarf, hätte es was gegeben. Davon abgesehen wurde es ein schöner Tag. Die unwinterliche Stimmung in der Stadt ideal ausgenutzt. Dann mit der neuen Hungerburgbahn zur Endstation. Schöne Aussicht, dachte ich mir, aber schade, dass die Bahn so flott gefahren ist. Danach liefen wir zum Gramartboden, inmitten eines plötzlich einsetzenden, kräftigen Schneeschauers. Winterstimmung kam auf. Jetzt erlebe ich endlich Winter. Endlich kann ich im Schnee laufen. Darauf hab ich das ganze Jahr gewartet. Nun kurz vor Jahresende die verdiente Belohnung. Mein Freund genoss die weiße Winterlandschaft ebenso wie ich und noch viel mehr, da er aus dem deutschen Flachland stammt und soviel Winter, noch dazu im Winter, nicht gewohnt ist. Meist schneit es ja dann, wenn man sowieso schon mit der kalten Jahreszeit abgeschlossen hat, oder die kalte Jahreszeit noch gar nicht begonnen hat. Ich hatte natürlich eine bestimmte Route geplant, die wir natürlich nicht einhielten. Die Gelegenheiten, bei denen wir die Route gingen, die ich geplant hatte, kann ich an einer Hand abzählen, was meist daran liegt, dass die Wege nicht oder falsch in die Karte eingezeichnet sind. Auf diese Weise entdeckt man wenigstens neue Wege, und das kann nur von Vorteil sein, wenn man möglichst viele Wege kennt, auch diese, die nicht in den Karten eingezeichnet sind. 

So liefen wir leicht bergauf in Richtung Höttinger Bild, wo ich meine 150g –Schachtel Heidelbeeren auspackte. Eine vielleicht exotische Jause, aber die blauen, süßen Beeren im Angebot – aus Argentinien – blickten mich einfach zu flehend an. Da konnte ich nicht nein sagen. Getrunken haben wir fast nichts. Zu wenig Flüssigkeit wie immer. Das ist wie mit den Wegen, dachte ich mir, denn ich nahm mir jedes Mal vor, bei Wanderungen ausreichend zu trinken und schleppte dann doch die Hälfte wieder mit nach Hause. Vom Höttinger Bild also, wo es immer stärker schneite und der Schnee auch eine dünne Schneedecke aufbauend liegen blieb, gingen wir in Richtung Butzihütte, was mir aber erst im Nachhinein auffiel, als wir die Butzihütte erreichten, denn ich war noch nie an der Butzihütte, obwohl die Studenten immer von der Butzihütte sprachen, wo es tolle Partys geben sollte. Der Weg wurde immer schmaler und schließlich gabelte er sich in zwei Wege auf, wobei der Weg, für den wir uns entschieden, noch schmaler wurde und sich dann ganz im Wald verlor. Lediglich eine kaum sichtbare Fußspur ließ noch ersichtlich werden, dass wir uns überhaupt auf einem Weg befanden. Das tat unserer Freude am Schneefall, der wäldischen Stille und dem vielen, ungewohnten Weiß keinen Abbruch. Zudem kann man sich hier schlecht verlaufen, dachte ich mir, denn wer sich an der Nordkette verläuft muss sich schon sehr dämlich anstellen, denn bei den Dutzend Wegen führt immer einer ins Tal hinab oder an einen Gasthof und man trifft ohnehin unterwegs viele Einheimische und Sportler, die hier joggen, Nordic Walking machen oder gleich auf einen Gipfel unterwegs sind, wobei die dann viel früher starten und uns Langschläfern gar nicht begegnen würden. 

Unterwegs spürte ich manchmal leichtes Seitenstechen, aber dachte an nichts Schlimmes, denn Seitenstechen ist ja kein Wunder, wenn man sich dank der vielen Prüfungsvorbereitungen und des vielen Lernens wegen so wenig bewegt. Über einen rückenförmigen Berg ging es in langen Serpentinen hinunter zur Butzihütte. Ich hatte keine Ahnung, wo wir eigentlich waren und betrachtete neugierig die unbekannte Umgebung, von der dank starken, großflockigen Schneefalls doch relativ wenig zu sehen war. Uns lief lange Zeit eine Pärchen mit einem kleinen, schwarz-braun-weiß gescheckten Hund hinterher, welcher eine pinkfarbene Frisbeescheibe im Maul trug und diese auch nicht fallen ließ, als er an uns vorbeistromerte. Süßer Hund, dachte ich mir, und hatte gehofft, dass der Hund noch eine Weile mit uns mitlief, aber das Pärchen war dann doch schneller als wir, wohl keine Flachlandtiroler, überholte uns und zog langsam davon. Überhaupt waren viele unangeleinte Hunde unterwegs, meist mit dem Herrchen oder Frauchen in Reichweite, aber eben ungeleint, und das führte bei mir und meinem Freund zu einem diffusen Unbehagen, wenn so ein mittelgroßer Hund, ein Schäfer- oder Bernhardinerhund, nicht ganz so groß wie ein Dobermann, auf uns zurannte, uns aber nicht umrannte, sondern rechtzeitig einen Haken schlug. Mein Freund fand es ein Unding, dass die Besitzer ihre Hunde nicht anleinten, wenn sie auf einem öffentlichen Weg, den auch andere Menschen gingen, unterwegs waren. Ich konnte dem nur zustimmen, auch wenn ich mir bei einem Bernhardinerhund kaum vorstellen konnte, dass diese unvermittelt damit beginnen, wildfremde Menschen angreifen, die sie sonst aus den Lawinen befreiten, denn dazu werden Bernhardiner ja meist ausgebildet, und überhaupt sieht so ein Hund mit dem dicken, flauschigen Fell eher wie ein lebender Bettvorleger aus, den man am liebsten ununterbrochen streicheln und umarmen möchte. Von der Butzihütte stiegen wir weiter hinab bis zum Beginn der Schneeburggasse, wo ewig kein Bus kam. Natürlich, ist ja auch Feiertag, und da fahren die nur im halbstündigen oder stündlichen Rhythmus, wenn sie überhaupt fahren. Mein Freund und ich beschlossen, nicht ewig in der Kälte und dem starken Schneefall herumzustehen, und uns daher besser zu bewegen und gingen also weiter die Schneeburggasse hinunter, bis wir an der Haltestelle „Großer Gott“ stehen blieben. Ein trefflicher Name, sagte ich, denn ich dachte an den großen Petrus, der uns den schönen Schneefall pünktlich am Silvestertag geschenkt hatte. Von Sadrach startete die Linie A, deren nächste Haltestelle eben jener großer Petrus war, die er aber vergeblich auf der abschüssigen, schneematschbedeckten Straße bremsend, dann beinahe noch verfehlte, als die Reifen durchdrehten und uns vor dem Einsteigen noch eine gehörige Portion Misstrauen in die Sicherheit dieses Verkehrsmittel einflößten. Praktischerweise fuhr die Linie A direkt zum Hauptbahnhof, zu dem wir unbedingt hin mussten, denn wir wollten unser Abendessen noch einkaufen. 

Ganz schön deppert, dachte ich, an einem Feiertag nachmittags an den Hauptbahnhof einkaufen, wo viele Leute genauso denken, aber sich nichts dabei denken und vor allem nicht wissen, dass sie Deppen sind, wenn sie sich nichts dabei denken. Als wir den Supermarkt im Hauptbahnhof erreichten, erstreckte sich eine lange Schlange von der Kasse bis an die Fleischtheke am anderen Ende des Supermarkts. Und da der Supermarkt vier offene Kassen hatte, gab es vier Schlangen, eine länger als die andere. Ganz schön deppert, dachte ich, aber wir haben ja Zeit, da kann man auch mal anstehen. Und während man so ansteht, fällt einem noch Unzähliges ein, was man so kaufen kann, zumal es im direkten Blickfeld vieles gibt, auf das man zugreifen kann. Ganz schön schlau, dachte ich, je länger die Schlange, desto mehr kaufen die Kunden. Nach einer minutenwährenden Ewigkeit hatten wir die Schlange endlich hinter uns und konnten unseren Weg fortsetzen. Am Hauptbahnhof stellte ich fest, dass die Busse wie immer genau dann nicht fuhren, wenn man zufällig gerade auf einen Bus wartete. Um uns herum hatte sich die Stimmung dramatisch verändert.Von überall hörte man laute Kracher, Chinaböller, und so kleine Raketen flogen auch schon umanand. Ich fühlte mich zumindest unwohl, denn der Krach tat mir in den Ohren weh und außerdem hatte ich Angst, von einem Querschläger getroffen zu werden. Uns blieb nichts anderes übrig, als am Hauptbahnhof zu warten, bis der nächste Bus fuhr. Endlich kam ein Bus, ich nahm an, es sei Linie R, da auf der Anzeigetafel bei Linie R noch Null Minuten stand und Linie R zudem ganz oben stand. Im Nachhinein hätte ich vielleicht nicht nur einen Blick auf die Anzeigetafel, sondern auch auf die Aufschrift am Bus werfen sollen. Der Bus fuhr um das Bahnhofsgelände herum und dann warteten wir einige Minuten gegenüber der Stelle, wo wir zuvor eingestiegen waren. Das hat sich ja jetzt gelohnt, dachte ich mir, und beobachtete durch die Scheiben, getrennt von der Böllerstimmung am Busterminal, wie eine Gruppe Jugendlicher Raketen startete und Böller über das Terminaldach in Richtung Eingang des Hauptbahnhofs warfen, wo ein nicht enden wollender Strom an Menschen herausfloss. 

Hier im Bus sind wir vor denen sicher, dachte ich erleichtert, und freute mich auf das Abendessen, das mein Freund, ein leidenschaftlicher Koch, zubereiten würde. Das Fleisch vom Supermarkt war zwar nicht gerade optimal zu nennen, aber in Krisenzeiten wie diesen, wo alle Metzger schon geschlossen haben, muss man eben mit Plan B Vorlieb nehmen. Endlich fuhr der Bus los, und schon nach einer Minute begriff ich, dass es ganz und gar nicht die Buslinie war, mit der wir fahren wollten. Vielleicht ist die Innenstadt noch gesperrt, dachte ich, denn da war ja vorher diese Veranstaltung und vielleicht fährt er deswegen einen Umweg, doch darin hatte ich mich getäuscht. Die Buslinie R entpuppte sich als Linie 4, mit der ich noch nie gefahren war und daher auch nicht wusste, dass wir uns so weit von meiner Wohnung entfernten, wie man sich nur mit einer Buslinie Innsbrucks entfernen konnte. In Hall angekommen verbarg ich meinen Lapsus unter Zweckoptimismus. So lernt man Innsbruck kennen, sagte ich zu meinem Freund, der mir den falschen Bus nicht übel nahm und zeitweise einnickte. Mir unerklärlich, wie man im Bus schlafen kann, dachte ich, denn bei jeder Haltestelle bremste der Bus stark ab, sodass mein Freund wild hin- und hergeschüttelt wurde, zeitweise seine müden Augen öffnete und dann wieder eindöste. Nach einer Odyssee durch Hall hindurch und den langen Weg wieder zurück, entdeckte ich plötzlich eine Bushaltestelle, an der die Linie R ausgeschrieben war. Schnell drückte ich den Knopf zum Haltewunsch. Wir sprangen aus dem verhängnisvollen Bus, hinter dem bereits die Linie R nahte. Das ist mal ein Timing, sagte ich zu meinem Freund, der so schnell nicht begriff, was mit ihm geschah. Ausnahmsweise hatte ich einmal richtig geplant, und die Linie R war tatsächlich die Linie R, denn die Bezeichnung stand nicht nur auf der Anzeigetafel der Haltestelle, sondern auch am Bus

Endlich angekommen in der Wohnung bereiteten wir die Zutaten für das Silvesteressen vor, Gulasch mit Kartoffelsalat. Eine seltsame Mischung, sagte mein Freund. Mir war das egal, denn wer bei mir schon einmal zum Essen war, wusste von meinen exotischen Essenskombinationen. Wir stießen mit einem guten Rotwein an, den ich verbilligt dank meiner Kundenkarte beim Supermarkt geholt hatte, und prosteten uns zu. Eine schöne Silvesterfeier. Genau so habe ich mir den Jahreswechsel vorgestellt, dachte ich. Ich schenkte mir noch von dem guten Likör an, den ich auf dem Weihnachtsmarkt gekauft hatte, stürzte ihn hinunter und bemerkte sogleich etwas, was mir ganz und gar Unbehagen bereitete. Im Magen rumorte es. Das wird das scharfe Gulasch sein, dachte ich, doch zum Rumoren gesellte sich ein unangenehmes Stechen im unteren Rückenbereich hinzu. Kein Problem, dachte ich, und greife zum Franzbranntwein, den ich für solche Zwecke extra gekauft hatte. Und für das Bauchweh bereitete ich mir schnell einen Anistee aus frischem Anis zu, das ich ebenfalls für solche Zwecke gekauft hatte. Das ist das scharfe Gulasch, dachte ich, das geht wieder vorbei, wenn ich aufs Klo gehe. Doch auch nach dem dritten Klogang wurde es nicht besser. Mein Freund zeigte sich besorgt und zugleich erstaunt über meine Hausapotheke, die sich über Jahre von Apothekenbesuchen und dem Lesen von Wikipedia-Seiten in meiner Wohnung angesammelt hatte, mit der ich Arztbesuchen schon immer möglichst aus dem Weg gehen wollte. Ich rieb mir den Bauch und den Rücken, und versuchte den wallenden Schmerz zu ignorieren, der mir Ratlosigkeit ob der genauen Ursache bescherte. Bald ist Mitternacht, dachte ich, bis dahin muss dieser blöde Schmerz verschwunden sein. Das kommt ja blöd, wenn ich hier flachlege, während man eigentlich das neue Jahr feiern sollte. Ich wiegelte ab, als mein Freund vorschlug, besser in der Wohnung zu bleiben, wenn es mir nicht gut geht und wir beschlossen mit der Linie A in Richtung Butzihütte zu fahren, von wo man einen guten Ausblick auf die von Raketen erleuchtete Stadt hatte. Und weniger Chaoten herumrennen, sagte ich zu meinem Freund. Die Zeit verstrich. Mein Freund trödelte auf dem Klo und wir verpassten den Bus. Das macht nichts, sagte ich, dann gehen wir eben den Rösslsteig hinauf zur Sonnenstraße. 

Am Fuße des Rösslsteigs standen wir vor einem interessanten Problem, das mir völlig neu in Innsbruck war, denn ich war es bisher immer gewohnt, dass die Stadt bei jeder drohenden Schneeflocke tonnenweise Salz auf die Wege schmiss. Wir stellten fest, dass der komplette und nicht gerade eben zu nennende Steig vollständig vereist war. Am Geländer festhaltend arbeiteten wir uns mühsam den Weg hinauf, wurden dabei beinahe von einer waagrecht heranfliegenden Rakete getroffen, die von übermütigen und wohl ein bisschen angesoffenen, jungen Leuten vom Haus gegenüber abgefeuert worden war. Nach gelungener Anstrengung erreichten wir die Sonnenstraße und gingen weiter in Richtung Grauer-Stein-Weg, der mein ursprüngliches Ziel gewesen war. Die Schmerzen wurden nicht schwächer und da es keine Möglichkeit zum sich Setzen gibt, stand ich im Schnee bei schönem Schneefall und dachte an nichts anderes als die Schmerzen und ärgerte mich darüber, dass die Schmerzen ausgerechnet kurz vor Mitternacht einsetzen mussten. Das hat keinen Zweck, sagte mein Freund, und zähneknirschend stimmte ich ihm zu. Wir gehen besser zurück, sagte mein Freund. Also gingen wir zurück, bemühten uns wieder den vereisten Rössl-Steig hinunter. Uns stakste ein älteres Ehepaar voraus, das über die Stadt schimpfte. Unverschämtheit, sagten sie. Und ich stimmte zu, denn bei dieser Rutschpartie konnte man sich den Hals brechen. Hinter uns drängelten besoffene, junge Leute, welche die Eisbahn als willkommene Abwechslung zum Jahreswechsel betrachteten. Mein Freund und ich beeilten uns, während ich vergeblich versuchte, die wellenartig wiederkommenden Schmerzen zu ignorieren. Zum Jahreswechsel stießen wir ein. Mein Freund hatte Rotwein. Ich Tee. Die Bauchschmerzen ließen langsam nach, doch der stechende Schmerz in der Rückengegend und der rechten Seite blieb. Ich war mit meinem Latein an Ende, hatte alles versucht, um mit meinen Hausmittelchen eine Besserung zu erreichen, die aber leider nicht eintrat. Ich packte vorsorglich meinen Rucksack und wir gingen zum Krankenhaus. Unterwegs besserten sich die Schmerzen jedoch deutlich. Ich lag im Untersuchungszimmer und konnte dem Arzt plötzlich nicht mehr sagen, wo es wehtat. Er testete mit seiner Fingern an mehreren Stellen an meiner Bauchgegend, und ich sagte wahllos, da tut es weh, da tut es nicht weh, nicht wissend, ob es wehtat, weil er mir auf den Hüftknochen drückte, oder ob da wirklich was wehtat, das normalerweise nicht wehtun sollte. Kann es die Bandscheibe sein, fragte ich ihn, doch er schüttelte sofort den Kopf. Bandscheibe und Bauchschmerzen passten nicht zusammen. Schade, dachte ich mir, denn das hätte mir weitere Untersuchungen erspart gehabt. Der Arzt schickte mich nach Hause, riet mir die Schmerzmittel zu nehmen, die ich da hatte, und machte einen Termin für den nächsten Tag aus.

Daheim angekommen verabschiedete ich meinen Freund, der durch den starken Schneefall nach Hause stapfte, nahm eine Schmerztablette und legte mich ins Bett. Sofort wurde der Schmerz wieder stärker, heftiger als zuvor. Das sieht nicht gut aus, das ist gar nicht gut, dachte ich, das muss ich behandeln lassen. Abermals packte ich meine Sachen und ging ins nahegelegene Klinikum. Unterwegs schneite es. Die Straßen und Autos waren schon mit Schnee bedeckt. Innsbruck wurde in ein weißes Winterkleid getaucht, das es den ganzen Winter über nicht gegeben hatte. Und ausgerechnet jetzt muss mir so etwas passieren, dachte ich fluchend, der ich gar nicht diesen schönen Schneefall genießen konnte. Ich stürzte ins Wartezimmer, ging zum Untersuchungszimmer. Es ist deutlich schlimmer geworden, sagte ich. Er verordnete eine Urinprobe, die klare Hinweise auf einen Nierenstein ergab. Beim Liegen verspürte zudem heftige Schmerzen in der Nierengegend. Nierenstein, dachte ich, soso. Und das in meinem Alter. Das bekommen doch nur alte Männer, dachte ich. Und überhaupt, was hat ein Nierenstein an Neujahr zu suchen, das muss nun wirklich nicht sein. Die Frau von der Anmeldung erklärte mir den Weg zur Urologie. Jetzt rechts, dann links, dann um das Gebäude herum, dann wieder rechts, und dann... ich bekam nur die Hälfte mit und sagte wahrheitsgemäß, dass ich keine Ahnung hatte, wo ich hin sollte. Sie rief einen Pfleger, der mich zur Urologie brachte. Unterwegs, im Untergeschoss der Klinik, ein riesiger Tunnel, offenbar auf einem anderen Planeten, erzählte ich ihm von meinem Nierensteinverdacht und er erzählte mir schauerliche Geschichten darüber, wie man Nierensteine entfernte. Mit Schlingen und so. Ich stellte mir das so schauerlich vor, wie es klang, und hoffte, darum herumzukommen. In der Urologie beschrieb ich einem jungen Arzt meine Symptome, die er mir nicht abnahm. Nierenkolikpatienten, sagte er, liegen normalerweise auf dem Boden und krümmen sich vor Schmerzen und stehen nicht so lässig herum, wie ich gerade vor ihm stehe. Ich sagte ihm, dass die Urinprobe positiv war, und er glaubte mir immer noch nicht so ganz. Endlich das Ultraschall. Leider konnte die Ärztin nichts feststellen, da ich vor der Untersuchung noch reichlich gegessen hatte, das gute Gulasch, dachte ich wehmütig zurück, da war die Welt noch in Ordnung, und sie mögliche Steine nicht sehen konnte. Sie schickte mich mit Rezept zur Nachtapotheke, die natürlich ein gutes Stück vom Klinikum entfernt lag. So erfuhr ich die wohl ungewöhnlichste Silvesternacht meines Lebens, bei kräftigem Schneefall durch das zentimeterhoch bedeckte Innsbruck, in dem der Verkehr außer Taxifahrern nahezu zum Stillstand gekommen war. Hier und da begegneten mir noch einzelne, langsam seltener werdende Alkoholleichen. Mein Glück, dachte ich, denn wer um diese Uhrzeit – halb fünf zeigte meine Uhr – noch unterwegs ist, ist schon so besoffen, dass er wohl kaum noch aggressiv wird. Mit meinen Turnschuhen durch den tiefen Schnee stapfend holte ich mir kalte Füße, was mir herzlich egal war. Die Schmerzen waren vorübergehend schwächer geworden und für wenige Augenblicke gelang es mir, die so lange herbeigesehnte Winterstimmung zu genießen. So habe ich mir Silvester vorgestellt, dachte ich mir, wenn auch diese blöden Schmerzen nicht hätten kommen brauchen. Nachdem ich vom Apotheker gegen mein letztes Geld nochmals Schmerzmittel erhielt, ging ich eilig nach Hause, nahm die Tabletten, wartete, bis der Schmerz nachließ. Für drei einhalb Stunden konnte ich schlafen. 

Als ich um halb elf erwachte, war der Schmerz sofort wieder da und nun mit unglaublich starker Intensität. So geht das nicht, dachte ich mir, setzte mich hin, bemerkte, dass es auch mit Bewegung nicht besser wurde. Zum dritten Mal an diesem Tag packte ich meinen Rucksack. Vor Schmerzen konnte ich nur noch gekrümmt gehen. Ich rief ein Taxi und ließ mich direkt zur Ambulanz bringen. Dort wurde ich als Nierenkolikpatient eingestuft und bald untersucht. Die Pflegerin verbat mir das Trinken, da dieses die Schmerzen nur verschlimmern würde, sagte sie. Ich stöhnte vor Schmerzen, kotzte in das bereit liegende Schälchen eine gelbe Flüssigkeit und bekam einen so starken Würgereiz, dass ich schon befürchtete, mein Brustkorb würde zerfetzt, da es dabei in der Brust so fürchterlich spannte. Die Infusionen verschafften nur wenig Linderung. Ich dämmerte dahin, hoffte nur noch darauf, dass dieser Alptraum endlich vorbei war. Bei der nächsten Ultraschalluntersuchung wurde der Stein am Eingang der Harnleiterröhre identifiziert, etwa vier bis fünf Millimeter groß. Dort macht er die größten Schmerzen, sagte der Arzt. Nun gab es kein zurück mehr. Ich wurde stationär aufgenommen. Mir war schlecht. Ich hatte Schmerzen. Mein Freund, inzwischen auf Station, erschrak, als er mich sah. Leichenblass sehe ich aus, so eine Gesichtsfarbe habe er noch nie gesehen, sagte er. Und ich fühlte mich richtig elend. Dachte mir, nun bin ich ja in guten Händen, nun kann es nur noch besser werden. Der Stationsarzt verabreichte mir starke Schmerzmittel, da selbst Buscopan wirkungslos blieb. Auch die Infusionen verpufften und erst die direkte Spritze in die Nierengegend gab mir Linderung. Mehrmals brach ich in den bereitstehenden Spucknapf. Das ist der absolute Tiefpunkt, dachte ich mir frustriert. Viel schlimmer geht es nicht mehr. Und das an Silvester. Es schneit. Draußen liegt soviel Schnee wie den ganzen Winter nicht, und ich lieg hier, dachte ich mir, kann nur untätig zuschauen, kann nicht einfach hinausgehen, wie ich Lust habe, dachte ich mir verzweifelt. Meinem Zimmernachbar, in meinem Alter und mit kahlem Kopf ging es anscheinend noch schlechter. Da hab ich ja noch Glück gehabt, dachte ich, habe ja nur einen Nierenstein. Ist der erst mal weg, ist es ausgestanden. Am nächsten Morgen wachte ich auf, rieb mir die Augen, glaubte aus einem bösen Traum zu erwachen, in dem das einzig Gute eine hübsche Krankenschwester war, und wurde nochmals untersucht. Dieses Mal mit Röntgenstrahlen und Kontrastmittel. Mit mulmigen Gefühlen blickte ich auf den Bildschirm am Röntgengerät, der meine Innereien zeigte. Das Kontrastmittel lief langsam nach unten, auf der rechten Seite viel zu langsam. Die Niere war kaum zu erkennen. Kein gutes Zeichen, dachte ich mir nun mehr als beunruhigt, das ist nicht gut, am Ende verlier ich noch die Niere. Beim anschließenden Ultraschall, das von einem jungen Assistenzarzt übernommen wurde, der noch ziemlich unerfahren war, wie ich zu meinem Leidwesen feststellte, da er andauernd den Chefarzt fragen musste, was er im Ultraschall sehen sollte, und der mich dabei wie ein Möbelstück behandelte, und überhaupt fühlte ich mich in diesem Moment mehr wie ein Versuchobjekt statt als ein Patient, der wirklich ernstgenommen wurde. Endlich überließ er dem Chefarzt den Platz, der sofort mit routiniertem Blick erkannte, was mir alles fehlte und dabei so einige lateinische Wörter in den Mund nahm, die mir als Möchtegernlateiner natürlich bekannt, wenn auch nicht in diesen Kombinationen nachvollziehbar waren. Der meint wohl, ich verstünde ihn nicht, der meint wohl, er hätte irgendeinen x-beliebigen Patienten vor sich, der nur Bahnhof versteht, wenn ein Arzt im Fachchinesisch redet. Ärzte vergessen heutzutage, dass es Wikipedia gibt, dachte ich, und ärgerte mich zugleich, dass ich zu verstehen glaubte, was bei mir alles diagnostiziert wurde, da es gar nicht gut klang. Die rechte Niere scheidet nichts mehr aus, sagte der Arzt mit Kennerblick auf den Monitor, und fügte hinzu, das muss operiert werden. Heute noch. Der Pfleger brachte mich wieder zurück auf mein Zimmer, wo mich ein Anästhesist bald darüber aufklärte, was bei der Operation geschah und was alles schief gehen konnte. Mir selbst ging das alles viel zu schnell, war ich doch anderthalb Tage davor noch gemütlich beim Gulasch essen und Wein trinken und freute mich darauf, den Jahreswechsel gemeinsam mit meinem Freund im Tiefschnee zu verbringen. Die Liste der möglichen Komplikationen war erfreulich kurz und mir war das an sich auch egal, denn eine andere Wahl hatte ich ohnehin nicht. Mein Freund musste leider abreisen und befand sich zur Zeit, als ich operiert wurde, bereits auf dem Heimweg. Der Pfleger kam, gab mir Thrombosestrümpfe und half mir beim Anziehen. Dazu das Operationshemd, das ich erst mal falsch herum anzog. Mit den fremden Kleidern am Leib, im Krankenhausstyle, fühlte ich mich erst richtig als Patient. Die Operation stand unmittelbar bevor, aber Gelegenheit, um sich Sorgen zu machen, blieb mir nicht. Es geht zu schnell, dachte ich, und das ist vielleicht ganz gut so, ehe ich noch Todesangst bekomme, dachte ich. Im Operationssaal wurde alles vorbereitet. Die Ärztin verkabelte mich am ganzen Körper, für das EKG, für die Blutdruckmessung, für die Infusionen. Alles ist im klischeehaften grün gestrichen. Grüne Menschen standen um mich herum. Macht, was ihr wollt, sagte ich zum Anästhesisten, Hauptsache, ich spüre nichts und der Schmerz ist weg. Die Schwester und der Arzt lachten. Das ist aber mutig, sagte er, du weißt ja gar nicht, was wir machen könnten, sagte er. Dann setzte mir der Anästhesist eine Sauerstoffmaske auf. Das ist Sauerstoff, sagte er mir überflüssigerweise, ich solle einfach tief einatmen. Ich sog die unheimlich frische Luft in meine Lungen. Dann mischte sich ein unangenehm bitterer Geschmack in den Sauerstoff. Das Narkosemittel, dachte ich mir sofort, und merkte, wie ich rasch das Bewusstsein verlor. Das ist schön, dachte ich mir noch, das macht so richtig schön schläfrig, dachte ich mir und.... war weg.

Nach einer Stunde, die es gewesen sein musste, wachte ich im Aufwachraum auf. Das Zifferblatt der Uhr, das sich langsam aus meinem Dämmerzustand herauskristallisierte, zeigte halb vier. Wie ich später erfuhr, wurde der Stein mit Ultraschall zertrümmert und anschließend mit einer Schlinge über die Harnleiterröhre herausgeholt. Um den Abfluss der restlichen Trümmer zu ermöglichen, hatte man mir einen Nierensplint eingesetzt, eine dünne Schiene vom Nierenbecken bis zur Harnleiterröhre, die verhinderte, dass die abgehenden Steinchen die Schleimhäute verletzten. Die Schmerzen waren weg, bemerkte ich erleichtert, als ich endgültig zu mir kam, mittlerweile wieder im Zimmer auf der Station. Nun muss ich viel trinken, sagten die Schwestern, leider sah ich die hübsche Schwester nicht wieder, die in einem schönen Tiroler Dialekt zu mir gesprochen hatte, am Tag der Einlieferung. Schade, dachte ich, denn mit einer hübschen Schwester wird einem gleich alles viel leichter und man gibt sich ein bisschen mehr Mühe, um sie zu beeindrucken und gammelt nicht so im Selbstmitleid vor sich hin. Ich stand nun vor einem neuen, bis dahin noch nicht akut gewesenem Problem – ich musste pinkeln. Auf der Toilette pisste ich Blut und schrie vor Schmerzen beinahe auf. So geht das nicht, dachte ich mir, und bat die Schwestern um einen Katheter, der noch viel mehr Schmerzen machte, als ich durch die Nierenkolik hatte. Endlich ebbte der Schmerz ab und der von dunkelrotem Blut durchtränkte Urin floss in den angehängten Beutel neben dem Bett. Das ist Altblut, sagte die Schwester, das ist normal. Mir war es egal, was es war, ich verlangte nach einem Schlafmittel, da mir jede Bewegung im Bett Schmerzen durch den Katheter bereitete. Am nächsten Morgen wurde der Katheter entfernt, was wieder ein bisschen Schmerzen machen wird, dachte ich mir vorher, aber dann sagte die Schwester, ich solle husten, und beim Husten zog sie ihn heraus, und der Schmerz war nur kurz. Dafür wurde er wieder größer, weil ich wieder nicht pinkeln konnte und die Blase voll gefüllt war. Da komm ich nun nicht drum rum, dachte ich mir, und überlegte mir psychische Tricks, um meine Feigheit zu überwinden, die mich am Gang aufs Klo hinderte. Nach weiteren Stunden und den Drohungen der schrumpeligen Schwestern, ich würde wieder einen Katheter brauchen, wenn ich nicht pinkeln könnte, schoss endlich der erste, wenn auch noch stark blutige Strahl in die Kloschüssel. Es brannte wie Feuer, aber der Druck auf die Blase ließ unmittelbar nach. Ich atmete hörbar auf und wiederholte die schmerzhafte Prozedur so lange, bis ich nach Hause durfte. 

Nach einer Woche sollte der Splint entfernt werden, doch bei der obligatorischen Urinprobe wurden rote und weiße Blutkörperchen festgestellt, die auf eine mögliche Infektion hindeuteten. Also bekam ich ein anderes Antibiotika und der Termin wurde um eine Woche nach hinten verschoben. Nach zwei Tagen überfiel mich fürchterlicher Juckreiz, den ich erst einer Mischung aus schwarzen Oliven und Holunderblütensirup in die Schuhe schieb, ehe ich auf den Gedanken kam, den Beipackzettel zu lesen. Mein Hausarzt ignorierte meine mehrmals vorgetragenen Hinweise, welches Antibiotikum ich nahm, gab mir eine Spritze gegen den extremen Hautausschlag, und ein Mittel gegen Juckreiz. Wenn ich auf ihn gehört hätte, dachte ich mir, hätte ich das Antibiotikum genommen und wäre an einem anaphylaktischen Schock krepiert. Gut, dass ich nicht auf ihn hörte, dachte ich mir, gut, dass es Wikipedia gibt. Wenig später stellte sich heraus, dass der Urintest negativ war und keine Infektion bestand. Falscher Alarm, dachte ich mir, der mir nun einen überflüssigen Arztbesuch und überflüssigen Juckreiz beschert hat. Das hätte nicht sein müssen, das hat nur Ärger gemacht, dachte ich mir, und war gleichzeitig froh, dass dem neuerlichen Termin nichts mehr im Wege stand, denn die Nierenschiene zog bei jedem Pinkeln und wenn draußen ein kalter Wind, blies, wurde das Ziehen noch unangenehmer. 

Wenn es nur der Nierenstein geblieben wäre, erinnerte er mich an den Tag nach der Operation, als ich aus dem Tiefschlaf des wirkungsvollen Schlafmittels erwacht war. Die Ärztin kam mit sorgenvollem Blick zu mir, und faselte was von einer Krebsdiagnose, die im Raum stand, und dass sich der beste Urologe der Klinik die Ultraschallbilder noch mal ansehen werde, und man eventuell schnell handeln müsse, falls sich die Diagnose bestätige. Mir war das wie überhaupt in den Tagen schon wieder alles zuviel, und ich saß am Vormittag in Lethargie neben dem Bett, wollte nichts mehr essen, und dachte nur noch an das drohende, vorzeitige Lebensende und an meinen Bettnachbarn, der dieselbe Erkrankung, die mir schwante, gerade am Überstehen war, mit den entsprechenden Folgen. Am Nachmittag gab die Ärztin Entwarnung, wobei die endgültigen Ergebnisse der Blutuntersuchung aber noch ausstanden. Knapp zwei Wochen nach der Operation wurde mir also der Nierensplint entfernt, was unter lokaler Anästhesie geschah. Dabei erfuhr ich auch, dass die Blutergebnisse negativ waren. Kein Krebs, dachte ich unendlich erleichtert und konnte mein zweites Leben endlich beginnen, das zwar nie wirklich in Gefahr war, aber alleine der Gedanke daran, dass er in Gefahr hätte gewesen sein können, ließ mich so tief nachdenken, dass ich sogar im Begriff war religiös zu werden, und das, dachte ich später, wollte schon wirklich etwas heißen, war ich doch eigentlich gar nicht religiös, und überhaupt, so früh sollte mein Leben einfach nicht vorbei sein, dachte ich, und ich wollte den Schrecken über diese mögliche Krebsdiagnose einfach nur so schnell wie möglich vergessen, ohne zu vergessen, dass ich nun mit anderen Augen zu anderen Menschen aufsah, die diese Diagnose wirklich bekamen und damit leben mussten, dass das Leben womöglich verkürzt war. Diese Menschen sind tapfer, sie kämpfen dagegen an. 

Ich bin noch einmal mit einer Warnung davon gekommen, mehr auf mich selbst zu schauen, denke ich heute.

Freitag, 21. August 2015

Manfred Spitzer: Digitale Demenz - Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen

Schon kurz nach dem Erscheinen des Buchs wollte ich es kaufen, allerdings schreckte mich der unsachliche Titel eher ab als dass er mich anzog. Nach jahrelanger Nachdenkpause habe ich jetzt doch zugegriffen, weil ich auch die radikale Ablehnungsposition gegenüber digitalen Medien besser verstehen möchte. Manfred Spitzer ist Experte auf seinem Fachgebiet, er hat hat Medizin, Psychologie und Philosophie studiert und in Psychiatrie habiliert. Die genannten Quellen im Buch sind alle aufgelistet, zudem verwendet er s/w-Skizzen, um Sachverhalte zu erläutern. Er betont außerdem, wie wichtig es ist, auf die Herkunft einer Studie zu schauen. Wer könnte von den Ergebnissen profitieren? Entsprechen seien viele Studienergebnisse mit großer Vorsicht zu genießen. Wohl zu Recht in Ungnade fiel er bei den Kritikern durch seine oft polemische und zuspitzende Wortwahl, die häufig pauschalisiert und keine gemäßigteren Sichtweisen zulässt. "Digitale Medien meiden!" ist sein abschließender Rat. Er übersieht dabei aber auch, dass die Verwendung digitaler Medien für manche Personengruppen durchaus Vorteile bringen kann.

Für mich bleibt nach der Lektüre ein gemischtes Fazit übrig:

Einerseits stellt er sehr gut heraus, dass digitale Medien gerade im Kleinkindalter keinen Nutzen bringen, und den direkten Kontakt zu Bezugspersonen, das "Be-Greifen" der Welt mit den Fingern und die Erziehung durch die Eltern nicht ersetzen, und dass gerade im Kleinkindalter das Gehirn noch nicht in der Lage ist Sehen und Hören miteinander zu verbinden (weshalb eine Geschichte vorlesen einen größeren Lerneffekt hat als Teletubbies schauen), andererseits behauptet er, dass Ballerspiele zu mehr Gewalt führen, virtuelle Freunde das Treffen von zwei, drei Freunden im "Real life" nicht ersetzen. Er verkennt dabei, dass man auch übers Internet langjährige Freundschaften oder sogar den Lebenspartner finden kann. Und dass es gerade für Menschen, die im direkten Kontakt Schwierigkeiten haben, sich zu verbalisieren, wesentlich leichter ist, über das Internet Kontakte zu knüpfen, und sich nach Überspringen der Smalltalk/Flirt-Phase "in echt" zu treffen oder zuvor miteinander zu telefonieren. Diese Menschen hätten sich ohne Medium wahrscheinlich nie kennengelernt, wären ohne sich zu beachten aneinander vorbeigegangen.

Eine beträchtliche Anzahl von Menschen profitiert von dieser Möglichkeit: Menschen mit Gehörlosigkeit, Autismus, starken körperlichen Beeinträchtigungen, Sprachproblemen, schüchterne Menschen bzw. mit einer Angsterkrankung/sozialen Phobie, Menschen in Armut, die es sich nicht leisten können, regelmäßig unter Leute zu kommen, etc...

Wie unlängst durch Steve Silberman herausgestellt, profitieren gerade junge (nonverbale) Autisten von technologischen Neuerungen wie iPads, weil sie durch das Drücken von Symbolen auf den Bildschirmen eine Möglichkeit haben, sich auszudrücken. Für eine unauffällige verbale Sprachentwicklung erscheint es sinnvoller, auf digitale Medien im Grundschulalter zu verzichten, bei neurologischen Ursachen, wo intensive Logopädie offenbar nicht oder nur langsam greift, kann ein Laptop oder ein iPad dagegen die Möglichkeit sein, sich seiner Umwelt mitzuteilen - das gilt auch für das Studium und darüber hinaus!

Soll man diesen Personengruppen ernsthaft raten, digitale Medien zu meiden? Ich denke nein. Eben weil Manfred Spitzer in seinem Buch nicht auf Minderheiten eingeht, besteht die Gefahr, dass sich hier Menschen zu Unrecht angesprochen fühlen. Natürlich ist es wichtig, sich genügend zu bewegen, in der freien Natur zu sein, Kontakte zu haben, das ist unbestritten und trifft auf jeden Menschen zu. Wenn aber Spitzer über chronisches Schlafdefizit infolge Daueronline sein schreibt, frage ich mich, was er wohl davon gehalten hätte, als ich im Schulalter ständig zu wenig schlief, weil ich ständig bis spät in die Nacht Bücher las?

Er schiebt nahezu die gesamte Verantwortung auf digitale Medien, obwohl er die Lösung selbst anspricht: Selbstkontrolle. Es geht im wesentlichen im Selbstkontrolle. Kinder sollten Spaß haben dürfen, ja, sie dürfen auch Ballerspiele spielen oder Teletubbies schauen, aber eben nicht den ganzen Tag und die ganze Nacht, und nicht so, dass es ausschließlich zulasten des Lernens und Hausarbeiten geht. Dasselbe betrifft Onlinespiele, Facebook, Youtube, Twitter, Foren, Chats, Videospiele, Computerspiele, Whatsapp, Smartphone-Tätigkeiten, Fernsehen, praktisch die gesamte Spannweite der digitalen Medien .... die Dosis ist entscheidend. Und diese lässt sich nur durch Kontrolle begrenzen. Er merkt dazu an, dass Kinder noch kein ausgereiftes Frontalhirn haben, weswegen sie keine Selbstkontrolle erlangen können. Kinder überfressen sich mit Süßigkeiten, wenn sie dazu Gelegenheit haben, während Erwachsene den Gedanken an Süßigkeiten leichter durch rationale Überlegungen verdrängen können. Gerade im Erziehungsalter ist also die Kontrolle durch die Eltern oder eine Bezugsperson wichtig. Später ist es wichtig, die Selbstkontrolle zu trainieren. Gemäß Spitzer haben zwei- und mehrsprachig aufwachsende Kinder stärkere Selbstkontrollefähigkeiten als einsprachig aufwachsende, weil beim Sprechen der Erstsprache immer auch die zweite Sprache im Gehirn aktiv ist, und sie diese unterdrücken müssen.

Auch ich als Schüler musste darauf achten, das Buch einmal wegzulegen, statt spät in die Nacht weiterzulesen, wenn ich am nächsten Tag in der Schule fit sein wollte. Ein Buch aus Papier wohlgemerkt, das war Anfang der 90er, als es noch keine E-Books gab. Ich würde sogar soweit gehen, zu sagen, dass ein Großteil der Folgen, die er skizziert, von mangelnder Selbstkontrolle stammen, und nicht ursächlich mit dem Medium zusammenhängen.

Ein weiterer umstrittener Punkt in seinem Buch ist, dass Aufklärung und Ratschläge nutzlos seien, sondern nur Verbote etwas bringen. Er führt dazu die Medienkompetenz an, die zunehmend als eigenes Schulfach eingeführt wird. Der frühzeitige Kontakt mit digitalen Medien hätte keinen Lerneffekt, sondern würde im Gegenteil noch die Lust darauf bestärken. Einerseits denke ich auch, dass es wichtig ist, ein Basishandwerk zu beherrschen, ein Vorwissen zu haben, ehe man sich auf ein Medium stürzt. Wer keine Ahnung hat, und einen Begriff googelt, kann z.B. nicht abschätzen, ob die Quelle seriös und zuverlässig ist. Mit Vorahnung kann man die Suche hingegen verfeinern und die Quellen leichter auf Seriösität und Hintergrund prüfen. Medienkompetenz hieße für mich, dass bereits ein Vorwissen da sein muss, aber dass man über die Gefahren aufklärt, über irreführende Quellen, über Betrüger, über die Wichtigkeit von Quellen überhaupt (Wikipedia ist keine Quelle), über Urheberrechte, über Cybermobbing, dass das Netz nie vergisst, und man nichts unüberlegtes unter Klarnamen schreiben sollte, etc... Aufklärung in diesem Sinne halt ich also sehr wohl für nützlich. Verbote erhöhen bloß den Reiz des Mediums.

Im Wesentlichen sieht mein Résumée so aus, dass das Buch selektiv und kritisch gelesen eine durchaus aufschlussreiche Lektüre ist. Die wissenschaftlichen Hintergründe sind gut verständlich erklärt und anhand zahlreicher Studien belegt, wobei besonders die großen Teilnahmerzahl die Seriösität verfestigen. Hinsichtlich der Schlussfolgerungen jedoch sollte man ein gewisses Maß an Vorsicht walten lassen, und berücksichtigen, dass Spitzer jene Personengruppen, die aufgrund neurologischer oder körperlicher Beeinträchtigungen von digitalen Medien profitieren, nicht berücksichtigt hat.

Samstag, 15. August 2015

Verschiedene Gehirne - verschiedene Lernmethoden

Schon in der Schule wird klar, dass Kinder unterschiedlich lernen. Manche müssen jeden Tag pauken, andere brauchen es nur wenige Male durchlesen, um den Stoff zu verinnerlichen. Den einen reicht das Lesen, die anderen schreiben es nochmal ab.

Zu meiner Schulzeit gab es als modernes Hilfsmittel den Tageslichtprojektor, und zwar bis in die späte Gymnasiumstufe hinein. Damit ließen sich Abbildungen an die Wand werfen, etwa im Biologie- oder Chemieunterricht. Andere Lehrer teilten keine Folien aus, sondern ließen alles vom Projektor abpinseln, während man zuhörte (meist war für mich nur eines von beidem möglich).

Der überwiegende Teil des Unterrichts fand aber noch ganz klassisch an der Tafel statt. Rechnen, Sätze vervollständigen in den Fremdsprachen, chemische Formeln anschreiben, Genetik in der Biologie anhand diverser Verzweigungen erläutern. Mein späterer Professor in der Theoretischen Meteorologie benutzte ebenfalls überwiegend die Tafel, denn er war der Ansicht, dass man nur dann besonders effizient lernt (also das Erklärte speichert), wenn das Gesehene mit der Hand verknüpft wird. Man liest/sieht, und notiert es. Dabei speichert sich der Inhalt doppelt ab. Auch mein späterer Dozent eines Workshops für Wettervorhersager war dieser Ansicht, und übte mit uns die Analyse von Wetterdaten auf ausgedruckten Wetterkarten.

Später kamen Laptop und Powerpointvorträge hinzu, die moderne Form des Tageslichtprojektors, der auch erlaubt, kleine Filme bzw. Lehrvideos abzuspielen. In der Universität ging es immer mehr in Richtung Hörsaal und Leinwand. Zuhören oder mitschreiben. Beides eher schwierig.

Meine beste und effektivste Lernmethode war es immer, das Gehörte selbst dann mitzuschreiben, wenn es die Vorlesung auch ausgedruckt gab. Denn in letzterem Fall fehlte mir die Verbindung zwischen Lesen und selbst nachvollziehen. Kam ich um Drucke nicht herum, schrieb ich es nochmal ab - je nach Sauklaue beim Abschreiben bzw. erfordertem raschen Abschreiben, schrieb ich meine Mitschriften ebenfalls noch einmal in Schönschrift. Auch dabei verfestigte sich das Wissen.

Fachartikel las ich nur selten und ungern am Bildschirm. Sofern möglich, druckte ich sie immer aus, strich mir farbig relevante Passagen an und fasste das Gelesene in eigenen Worten zu fassen. Anfangs viel auf einem Block, später dann in ein Word-Document. Ich stellte und stelle aber fest, dass am Computer Geschriebenes weniger tief in meinem Gedächtnis haften bleibt als das, was ich weiterhin in diverse Notizhefte eintrage.

Für meine wissenschaftlichen Blogs, die ich heute betreibe, drucke ich ebenfalls wieder Fachartikel aus bzw. lese vorwiegend Print. Dann fasse ich den Inhalt zusammen und versuche ihn weitgehend, mit eigenen Worten wiederzugeben. Vieles veröffentliche ich, denn die Veröffentlichung erfordert, dass ich den Sachverhalt erklären kann. Und durch das Vereinfachen und Erklären für die Öffentlichkeit, begreife ich selbst erst viel besser, oder es kommen neue Überlegungen, Ideen oder Skepsis hinzu.

Eine andere Methode, und die kam mir besonders bei meiner Diplomarbeit zugute, ist die Verwendung einer Fremdsprache, aktiv und passiv. Für die Diplomarbeit schrieb ich auf Englisch. Entsprechend setzte es voraus, dass ich auch deutsche Artikel ins Englische übertragen musste. Ich lernte erneut doppelt - den Inhalt begreifen, gleichzeitig aber auch die Grammatik und Ausdrucksweise in der Fremdsprache. Wenn ich heute wissenschaftliche oder populäre Artikel über meine Spezialinteressen ins Deutsche übersetze, lerne ich ebenfalls doppelt. Denn eine korrekte Übersetzung gelingt nur, wenn man den Inhalt verstanden hat.

Auf diesem Weg versuche ich ein wenig zu kompensieren, dass ich im digitalen Zeitalter weitaus seltener die Gelegenheit habe, etwas mit der Hand zu schreiben, wie früher.

*

Es gibt zahlreiche Studien und populärwissenschaftliche Bücher darüber, wie negativ sich das digitale Lernen auf die Lerntiefe auswirkt. Es wird auch geradezu verteufelt, den Computer dafür zu verwenden, weil er vom Lernen ablenkt und Informationen nur oberflächlich erfasst werden. Ich bestreite nicht, dass das für signifikant viele Menschen zutrifft, es trifft in besonderem Maße auf mich zu. Trotzdem gibt es Menschen, die den Computer zu nutzen wissen. Und auch nach 20 Jahren Internet und noch mehr Jahren Computer absolvieren nach wie vor signifikant viele Menschen erfolgreich ihre Schulabschlüsse und Universitätsabschlüsse.

Warum schaffen es die einen, was die anderen nicht können? Oder was ihnen zumindest viel schwerer fällt?

Mir fallen vor allem zwei Stichworte ein, die unabhängig vom verwendeten Medium sind:

Wahrnehmung und Impulskontrolle 

Es gibt die drei Denkertypen und Mischtypen davon wie
  • Denken in Wort und Schrift
  • Denken in Bildern
  • Denken in Strukturen und Muster 
Insbesondere Programmierer, also Menschen, die mit Kommandozeilen und Quellcode hantieren, sind typische Musterdenker. Für sie scheint es unerheblich zu sein, ob das Medium ablenkt oder nicht, ob man digital liest oder nicht. Sie sehen den Code, lernen und üben, und werden je nach Ausdauer zu Experten.

Unter den visuellen Denkern mögen Menschen existieren, die ein fotografisches Lernen entwickeln, d.h. sie scannen den Lerninhalt ein, ohne ihn direkt lesen zu müssen. Auch hier mag es Menschen geben, für die die Unterlage unerheblich ist.

Neben der Wahrnehmung spielt aber auch eine Rolle, wie lange man sich auf eine Tätigkeit konzentrieren kann. Die Aufmerksamkeit hängt aber stark davon ab, wie sehr man sich gedanklich organisieren kann, sich nämlich auf eine Sache zu fokusieren, ohne sich von der Umgebung ablenken zu lassen. Das setzt intakte Exekutivfunktionen voraus, und die Impulskontrolle wird entscheidend:

Wer mitschreiben muss, kann nicht abgelenkt werden. Wer dagegen nur mitlesen muss, muss nicht zwingend zuhören, denn die Unterlagen kann er sich ja später herunterladen oder bekommt sie ausgedruckt ausgeteilt. Man neigt eher dazu, abzuschweifen, Tagträumereien nachzuhängen, oder wird von äußeren Störungen beeinflusst, hörbare und sichtbare.

Am Computer wird die Gefahr der Ablenkung riesengroß, speziell im Jahr 2015 sind die größten Ablenkungsfaktoren:
  • Youtube, stundenlang von einem Video zum nächsten wechseln
  • Google, von einem Ergebnis zum nächsten (ohne das gewünschte zu erhalten)
  • "soziale" Netzwerke wie Facebook, Twitter, Instagram u.v.a., die immer verfügbar sind, wo jederzeit Nachrichten eintrudeln können, die man am liebsten gleich beantworten möchte 
  • Blogs und Foren, wo man stets versucht ist, Unrichtigkeiten richtig zu stellen oder sich auszutauschen
  • Das Smartphone selbst, das alle Möglichkeiten im handlichen Kleinformat bietet, ohne den Computer einschalten zu müssen - das also auch ablenken kann, wenn man einen ausgedruckten Text oder ein Fachbuch lesen möchte. 
Es verlangt von einem viel Disziplin, sich nicht ablenken zu lassen, sondern konzentriert bei einer Sache zu bleiben. Eine Folge von Internettexten ist außerdem, das man immer weniger gewohnt ist, lange Texte zu lesen und zu erfassen, eben weil die Aufmerksamkeit im Netz selbst verkürzt ist.

In Punkto Impulskontrolle und Disziplin sind Menschen mit neurologischen Beeinträchtigungen im Nachteil, wenn also die Aufmerksamkeit beeinträchtigt ist, bzw. die Impulskontrolle. Auch häufigere Erkrankungen wie Depressionen oder Traumata können dazu führen, dass die Aufmerksamkeit eingeschränkt ist.

Wenn man aber zurückschaut, dann gab es auch lange vor dem Internetzeitalter Störfaktoren beim Lernen, sei es der Gameboy oder Nintendo, sei es die Playstation oder das Fernsehen. Digitale Medien machen seit jeher süchtig nach Mehr, ohne, dass das nun zwangsläufig pathologisch sein muss. Bei allen genannten Medienträgern handelt es sich um welche, die schnelle Farbwechsel, Bewegungen oder komplexe Inhalte in rascher Verfügbarkeit beinhalten, alles, was das Auge erregt und uns buchstäblich fesselt. Es ist also kein Zufall, dass ein Videospiel reizvoller ist als ein Brettspiel.

Trotz allem können Menschen mit diesen Störfaktoren umgehen, sonst hätten wir massenweise Jugendliche ohne Bildungs- oder Ausbildungsabschlüsse. Nicht die Medien, oder heutzutage Computer und Internet, verdummen, sondern die mangelnde Impulskontrolle bei denen, die den Umgang damit nicht kontrollieren können. Ich denke, dass ein Stückweit Vorsicht insofern angebracht ist, als das digitale Medien das Offline-Leben nicht ersetzen. Wir werden offline geboren und sterben offline, wir atmen offline, wir essen offline und wir zeugen Kinder offline. Kommunikation kann vollständig online stattfinden, der Rest nicht.

Dass es manche schaffen, trotz digitaler Medien effektiv zu lernen und andere nicht, kann also an unterschiedlicher Wahrnehmung und Lernstrategien liegen, aber auch an unterschiedlich ausgeprägter Impulskontrolle. Das zugrunde liegende Medium ist dann beinahe egal. Allenfalls ist nachgewiesen, dass die Lerntiefe analog höher als digital ist. Das ließe sich aber kompensieren, wenn man konsequent und diszipliniert den Lerninhalt verinnerlicht.

Samstag, 25. Juli 2015

Schattenspringer 2 - Per Anhalter durch die Pubertät

Bereits der Titel von Daniela Schreiters zweiter Graphic Novel lässt ihre Liebe zu Büchern erkennen, die sie in ihrer Kindheit entwickelte. Im ersten Teil schilderte sie vor allem ihre sensorische Wahrnehmung als Asperger-Autistin, und warum sie im Kindergarten und in der Schule anders war als die anderen Kinder. Im zweiten Teil ihrer Biografie geht sie auf die Pubertät ein, auf das Kennenlernen, die Veränderung des eigenen Körpers bis hin zu den ersten sexuellen Erfahrungen, aber auch die Frustration, nicht im Tempo der Gleichaltrigen mithalten zu können. Sie klammert dabei auch das Tabuthema Suizid nicht aus, und schildert, wie sie nach Fehlversuchen doch noch eine Beziehung fand. Ihre Rückzugsorte fand Schreiter in der Welt der Bücher, der Comics und der Spiele.

Deutlich wird in jedem Fall: Das Klischée des empathielosen, beziehungsunfähigen Autisten ist falsch. Eher sogar ist sie empathischer, gerade wenn sich Menschen und Tiere in Not befinden, oder was generell den Weltschmerz betrifft, die Ungerechtigkeit auf diesem Planeten. Die Freiheiten im Studium ohne Anwesenheitspflichten empfindet sie als großen Vorteil als Autistin, dank Internet muss sie nicht zwingend mit Menschen in direkten Kontakt treten. Zudem erleichtert Internet das gegenseitige Kennenlernen, über gemeinsame Interessen statt über Flirten (Smalltalk) bzw. das Besuchen von Partys, Discos, die einen Autisten zu vielen Reizen aussetzt. Schließlich geht es auch darum, was die Diagnose für sie bedeutet hat. Im ersten Moment eine große Erleichterung, gefolgt von einem Tief "das kann nicht ich sein" und Verständnislosigkeit der Umwelt ("Was? Du bist Autistin? Ne, oder?"). Es ist gar nicht so leicht, über sich selbst Bescheid zu wissen, aber den Wissensrückstand der Umgebung zu berücksichtigen. Vor dieser Herausforderung steht wohl jeder Autist, insbesondere die Spätdiagnostizierten, die nicht direkt auffallen.

Was andere Autisten und Autistinnen wohl am häufigsten haben werden, ist das "Aha-Erlebnis", das Gefühl "das bin ja ich" oder "mir ging es so wie ihr", und dann hilft dieses "Nicht alleine sein" durchaus, mit der eigenen Lebenssituation fertig zu werden, keinen einsamen Kampf zu führen, nicht vollständig isoliert zu sein. Schreiter vermittelt dieses Gefühl durch ihre bildhafte Sprache, öfters humorvoll und mit einer positiven Grundstimmung. Dazu zählt auch das Vorwort von Denise Linke, Asperger-Autistin und Herausgeberin der N#MMER, dem weltweit ersten Magazin für Autisten und ADHSler.

Samstag, 31. Januar 2015

Buchempfehlungen von Twitter-Followern

Hier eine Empfehlungsreihe....

Reinhard Seiß - Wer baut Wien

Ein Buch über die Architektur und Bauwirtschaft in Wien, viele kritische Anekdoten zu Bauwerken, Erschließung von neuen Wohngebieten, Hochhäusern, die nur dank einer Verfilzung von Politik, Baukonzernen und Banken zustande kommen, und wie Baukonzerne und Banken Einfluss auf die Berichterstattung nehmen.

Barbara Coudenhouve-Calergi - Zuhause ist überall

Autobiographie der österreichischen Journalistin, die als Deutsche in der Tschechoslowakei aufwuchs und nach dem Krieg vertrieben wurde. Seitdem lebt sie in Österreich.

Ingrid Brodnig - Der unsichtbare Mensch 

Die Falter-Redakteurin Ingrid Brodnig hat sich in "Der unsichtbare Mensch. Wie die Anonymität im Internet unsere Gesellschaft verändert" mit aktuellen Fragen rund um Anonymität, Klarnamenzwang und Diskussionskultur im Internet auseinandergesetzt und nach Lösungen gesucht, das Gesprächsklima zu verbessern.

Rezension

Allen Frances -  Normal. Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen

Seine Streitschrift richtet sich nicht nur gegen die Einführung der fünften Ausgabe des Handbuchs für psychiatrische Diagnosen (DSM-V), sondern hilft dem Leser auch zu verstehen, wie Diagnosen zustande kommen, ab wann ein psychischer Zustand als krankhaft gilt und was man selbst tun kann, um vorschnelle (Selbst-) Diagnosen zu vermeiden. Seine Kritik an den Pharmakonzernen und deren Einfluss auf die Vergabe von Diagnosen mit anschließender Medikamentierung betrifft auch Europa, vor allem aber die USA.

Temple Grandin - The Autistic Brain

Die Expertin für Viehhaltung, Wissenschaftlerin und Autistin stellt die neuesten Erkenntnisse und über Theorien über Autismus vor, dass Diagnostiker zwar das äußere Verhalten sehen, aber nicht wissen, wie es sich von innen anfühlt. Sie kritisiert den DSM-V, weil er die Kernsymptome von Autismus nicht als solche anerkennt, und stellt außerdem drei Typen von Denkern vor, bei denen Autisten vor allem in Mustern/Strukturen und in Bildern denken, während Nichtautisten vor allem in Worten/Symbolen denken.
Das Buch erschien bisher nur auf Englisch, ist dennoch gut lesbar, da es sich um relativ leicht geschriebenes Englisch handelt.

Oliver Sacks - Eine Anthropologin auf dem Mars: Sieben paradoxe Geschichten

Der britische Neurologe und Schriftsteller berichtet spannende Geschichten aus dem Reich der Neurologie, neben anderen über einen Maler, die die Fähigkeit, Farben zu sehen, verloren hat, über einen Blinden, der nach Jahrzehnten wieder sehen kann, einen Chirurgen mit Tourette-Syndrom und über Temple Grandin, die durch ihre Fähigkeit, in Bildern zu denken, als Savant gilt. 

Daniela Schreiter - Schattenspringer 

In ihrem im März 2014 erschienenen Comic Schattenspringer - Wie es ist, anders zu sein erzählt die Asperger-Autistin Daniela Schreiter in zahlreichen, durchaus zum Schmunzeln anregenden Situationen auf bildhafte Weise, wie Autisten die Umwelt wahrnehmen. Sie betont dabei, dass jeder Autist anders ist, und sie nur für sich sprechen kann.

Rezension

Saskia Jungnikl - Papa hat sich erschossen 

Die Journalistin erzählt schonungslos über den Suizid ihres Vaters und plädiert zugleich für einen offeneren Umgang mit dem Thema Depressionen.

Mittwoch, 12. November 2014

Marc Elsberg - Blackout

Inhalt:

Europa trifft ein totaler Stromausfall, der mehrere Tage anhält und zu katastrophalen Folgen führt, mit hygienischen Misständen, brach liegender Wirtschaft und havarierenden Atomkraftwerken. Ein italienischer Hacker findet die Ursache in manipulierten Smart-Stromzählern und vermutet eine gezielte Attacke, welcher die Polizei und Europol nachgehen.

Rezension:



Der Roman beginnt furios mit der Schilderung, wie in den einzelnen Ländern in rasender Geschwindigkeit der Strom ausfällt und die Kraftwerke nicht mehr hochfahren können. Ebenso wird recht akribisch die Auswirkung des Stromausfalls auf die verschiedenen Lebenssituationen in den jeweiligen Ländern geschildert, auf Tourismus, auf das tägliche Leben, im Krankenhaus und auf die Energieunternehmen. Die Schilderungen bleiben jedoch zu sehr auf der Sachebene haften, von der Nüchternheit erinnern sie mich an Frederick-Forsythe-Detailverliebtheit über Waffensysteme, vom Stil an Frank Schätzings "Der Schwarm". Die große Kunst, ein komplexes Thema näher zu bringen, ist, Informationen so zu verpacken, dass sie nicht wie ein Vortrag wirken, nicht in die Handlung hineinkonstruiert wirken. Das ist dem Autor über weite Strecken nicht gelungen. Wenn Experten Politikern erklären müssen, wie der Stromfluss funktioniert und welche Auswirkungen das hat, wirkt das aufgesetzt, als wolle man in ein Sachbuch Dialoge einbauen. Ein weiteres Manko ist der Überschuss an Nebenhandlungen. Sicherlich ist es interessant für den Leser, wie sich der Stromausfall in den Ländern auf das Leben auswirkt. Dennoch bleibt die Figurenzeichnung generell zu oberflächlich und klischeehaft, um sich mit der Person identifizieren zu können, um sich für seine Leiden zu interessieren. Das betrifft leider alle Protagonisten, inklusive dem Hacker Manzano und der Journalistin Shannon, bei denen sich zwar die obligatorische Liebesgeschichte anbahnt, die aber ebenfalls recht oberflächlich bleibt. Ihre Flucht vor der Polizei verschleppt so eher die Handlung und die Auflösung der Hintergründe des Stromausfalls, zumal sie nichts zu deren Klärung beiträgt. Überhaupt scheint es absurd, dass die Polizei den Hacker verdächtigt, der sie auf auf den richtigen Pfad bringt, und dass sie sich von einer fingierten E-Mail, die dem Hacker untergeschoben wird, so leicht täuschen lassen. Das wirkt schon arg konstruiert. Die Dialoggefechte auf Ministerebene zeigen schon absurde Züge, wenn zum siebten oder achten Mal infolge mit "Meine Damen und Herren", angeredet wird. Handelt es sich hier um einen Höflichkeitsbesuch auf einem Abendball? Oder steht das Land am Abgrund? Das Ende ist überraschend vorhersehbar, nachdem die Auflösung über die Hintergründe schon dutzende Seiten vorher erfolgt ist.

Man flippt die Seiten mit zunehmender Lesedauer immer ärgerlicher durch, in der Hoffnung, unterhalten zu werden - obwohl das Szenario an sich natürlich packend ist, ebenso mit den drohenden Super-GAUs in mehreren Atomkraftwerken. Dass in den USA ebenso der Strom komplett ausfällt, gerät beinahe zur Nebensache.

Packendes Sachbuch, aber schlecht inszenierte Fiktion mit zu wenig entwickelten Protagonisten - mein Fazit dieses, durchaus aktuellen Thrillers, der den Finger auf die Verwundbarkeit der hochtechnologisierten Welt legt, aber die Kritik an der Wohlstandsgesellschaft zu oberflächlich behandelt.